Editorial

Christian Hanus

This Editorial has been originally written in German.

Interdisziplinarität und Transdisziplinarität als Herausforderung in der universitären Lehre. Bereits seit Jahrzehnten wird an Universitäten die Forderung nach inter- und transdisziplinärer Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Fragestellungen nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre postuliert. Bei der Betrachtung der universitären Studienpläne der unterschiedlichen Studienrichtungen aber bleibt die Berücksichtigung dieser Form der Lehre sehr überschaubar, so auch in der Ausbildung von Architekten und Ingenieuren.

Obwohl gerade das Studium der Architektur mit Studienfächern wie Bauphysik, Baustatik, Gebäudetechnik, Bauökonomie, Kunst- und Architekturgeschichte, Denkmalpflege, Städtebau, Planung und Entwurf ein ausgesprochen breites Fächerspektrum umfasst, verkörpert das gemeinsame Zusammenwirken mehrerer Lehrstühle verschiedener Fachrichtungen zur inter- und transdisziplinären Abhandlung komplexer Fragestellungen allenfalls eine Ausnahme in der universitären Lehre.

Die Schulung der inter- und transdisziplinären Auseinandersetzung in Konzeptions- und Planungsfragen ist mit den immer komplexeren Anforderungen im Bauwesen notwendiger denn je. Die Digitalisierung, die aus Bauvorschriften und Normen wachsenden Restriktionen, die steigenden Ansprüche der Gesellschaft, der Ruf nach Klimaschutz, der Wunsch nach Erhalt historischer Zentren oder die immer engeren ökonomischen Rahmenbedingungen sind nur einige Aspekte, welche die Zielkonflikte in der Planung zunehmend verschärfen.

Um dem Anspruch nach der Integration der inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit in der planerischen Konzeption Rechnung zu tragen, wurde das didaktische Modell der SCOLA TELCZ entwickelt beziehungsweise wird fortlaufend weiterentwickelt. Die SCOLA TELCZ wird von mehreren spezialisierten wissenschaftlichen Institutionen wie der STU in Bratislava, der ČVUT in Prag, der Masaryk Universität in Brünn, der Donau-Universität Krems, des Nationalen Denkmalinstituts und der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik mitgetragen.

In den halbjährlich abgehaltenen inter- und transdisziplinären Projektierungsseminaren gilt es, auf Basis wirklich existierender Projektvorhaben oder bestehender Veränderungsbedürfnisse innerhalb des UNESCO-Welterbes des historischen Zentrums von Telč gesamtheitliche Konzepte zu entwickeln. Als strukturelle Basis dienen hierfür unter anderem die „5 C’s“ der UNESCO (Community, Communication, Credibility, Capacitiy Building, Conservation).

Eine besondere didaktische Herausforderung stellt jeweils die Vermittlung der Komplexität und Wechselbeziehungen in der Aufgabenstellung an die Teilnehmer der unterschiedlichen Studienrichtungen dar wie auch die Kultivierung eines fundierten Fachdialogs. Im Rahmen von Fachvorträgen, Besichtigungen, Demonstrationen, Fragen- und Diskussionsrunden, welche von den zuständigen Behörden, lokalen Experten wie auch Wissenschaftlern der genannten Partnerinstitutionen abgehalten werden, erfolgt eine möglichst vielseitige Einsicht in die Rahmenbedingungen.

Die Bearbeitung der Aufgabenstellungen erfolgt in Form eines internationalen und -disziplinären Konsortiums, welches aus Pädagogen, Doktoranden und Studenten aus den Disziplinen wie Architektur, Ingenieurwissenschaften, Kunstgeschichte, Pädagogik, Soziologie, Kommunikationswissenschaften oder auch Geographie besteht. Die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden verfliessen dabei. Gerade für die Pädagogen stellt diese Form des Unterrichts eine besonders lehrreiche Erfahrung dar.

Zum Abschluss des Projektierungsseminars werden die Ergebnisse der Öffentlichkeit wie auch den zuständigen Behörden, Verantwortungsträgern und lokalen Experten vorgestellt und mit ihnen diskutiert. In dieser Weise wird jedes Mal ein konkreter Impuls zur Erhaltung und Entwicklung des historischen Stadtzentrums von Telč gesetzt, welcher auch weiterverfolgt und -entwickelt wird, womit diese Aktivitäten auch konkrete gesellschaftswirksame Beiträge darstellen. In der Zwischenzeit wurde nach ähnlichen didaktischen Konzept die „Scuola di ricostruzione“ in der vom Erdbeben zerstörten Stadt Accumoli eingerichtet, welche sich nicht nur dem physischen Wiederaufbau der Stadt widmet, sondern auch der Rekonstruktion der ökonomischen und sozialen Strukturen wie auch des kulturellen und religiösen Lebens.

Mit den ganzen Aktivitäten um die Vorbereitung, Konzeption und Durchführung der interdisziplinären Projektseminare wurde nicht nur zwischen den Partnerinstitutionen die interdisziplinäre Zusammenarbeit kultiviert und gefestigt und die didaktischen Modelle weiterentwickelt, sondern es ging hieraus auch eine Vielzahl von Projektideen hervor, welche teilweise bereits erfolgreich abgeschlossen wurden oder gegenwärtig am Laufen sind. Diese wiederum ermöglichen weitere Erfahrungen in der interdisziplinären Kooperation und tragen zu weiteren Optimierungen in der Lehre bei.

Dem viel geäusserten Wunsche nach mehr Inter- und Transdisziplinarität in den Studiengängen kann einzig durch intensive Bemühungen in der Kultivierung der inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit der Pädagogen unterschiedlicher Fachrichtungen wie auch Verantwortungsträgern aus der Praxis nachgekommen werden. Mögen immer mehr Universitäten die Relevanz der inter- und transdisziplinärer Kompetenzen für die Herausforderungen in der beruflichen Praxis der Planer von morgen erkennen und entsprechende Freiräume hierfür in den gelebten universitären Lehre vorsehen.

Keywords: editoriál, pedagogy, interdisciplinarity, Scola Telcz